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Islam & Psychologie mit Amin Loucif | Gastbeitrag von Daniel Schneider

Es ist islamisch, sich psychologische Hilfe zu holen, lautete das Fazit des Psychotherapeuten Amin Loucif. Denn Allah ersetze nicht den Therapeuten, sondern heile durch das medizinische Fachpersonal, erläuterte Loucif. Das erklärte er bei dem Online-Vortrag „Gesundheit und Krankheit aus islampsychologischer Perspektive“, der von der Muslimischen Hochschulgruppe Würzburg organisiert wurde.

Dass Islam und Psychologie schon eine lange Tradition haben, verdeutlichte Loucif den rund 200 Interessierten am Beispiel von Abu Zayd al-Balkhi (850-934). Der persische Universalgelehrte habe schon im 9. Jahrhundert empfohlen, sich gesunde Gedanken für unerwartete emotionale Ausbrüche, gleich einem psychologischen Notfallkoffer, bereitzuhalten. Darüber hinaus seien im gesamten islamischen Herrschaftsgebiet Kliniken für psychisch Kranke errichtet worden, z.B. in Bagdad, Aleppo oder Sevilla. 

Dauerhafter Stress, etwa aufgrund von Zeitdruck, Lärm oder einer unbefriedigten Partnerschaft, äußerten sich laut Loucif oft in Schlafstörungen, einem schlechten Immunsystem oder psychischen Störungen. Hierzu zählten Angststörungen, Alkoholmissbrauch oder Depressionen. Menschen mit Migrationshintergrund seien wegen erlebter Ausgrenzung und Diskriminierung bei Wohnungs- oder Berufssuche vermehrt anfällig für psychische Störungen. 

Beispielhaft nannte er die Antriebslosigkeit bei einer Depression, welche zu einer Vernachlässigung der rituellen Gebete führen könne. Dies könne Schuldgefühlen der betroffenen Person zu Folge haben, was das Krankheitsbild wiederum verstärke. Wichtig sei, niedrigschwellige Angebote zu schaffen, und Erfolge, etwa ein gemeinsam verrichtetes Gebet, gebührend zu feiern. Dass religiöser Glaube als Ressource gegen psychische Störungen wirken kann, verdeutlichte Loucif an der Anrufung Allahs: „Ich suche Zuflucht bei Allah vor dem abtrünnigen Teufel“. Bei einer Diagnose sei es jedoch unersetzlich, erst psychische oder körperliche Ursachen für die Erkrankung zu untersuchen, bevor man sich möglichen spirituellen Gründen zuwendete. 

Islampsychologische Ansatzpunkte sah er in der Sura 107, welche zum aktiven Handeln des Menschen auffordere, indem er Gutes tue und in Geduld und Wahrheit mit seinen Mitmenschen lebe. Dankbarkeit, Kontakt zu Verwandten und Nachbarn sowie ein gesunder Mittelweg in allen Dinge führten zu Selbstzufriedenheit und reduzierten so mögliche krankmachende Stressoren. 


Zur Person

Amin Loucif bietet in seiner  Praxis in Wuppertal kultursensible Beratung an. Darüber hinaus absolviert er eine Ausbildung zum muslimischen Seelsorger und studiert zusätzlich Islamwissenschaften. Er betreibt den Podcast „Islam und Psychologie“ (https://pod.co/islamundpsychologie). 


Video: Ich hatte einen schwarzen Hund sein Name war Depression (https://www.youtube.com/watch?v=1UiA32Qv4yE)